KOMETEN VELIKOVSKY ILLIG SAGAN AMBARZUMJAN STERNGLASS

Die Entstellung des wissenschaftlichen Begriffs "Komet des Jupiters" durch Velikovsky

von Franz Krojer

In der "Sonnenuhr des Augustus des Herrn Illig" habe ich eine längere Textpassage aus Velikovskys "Welten im Zusammenstoß" wiedergegeben, wonach der "Komet Venus seinen Ursprung in dem Planeten Jupiter hatte", weshalb "in der Mitte des zweiten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung" die Erde "eine der größten Katastrophen ihrer Geschichte" erlebte. (Velikovsky, Seite 64)

Wie kam Velikovsky um 1950 zur Ansicht bzw. sogar zu einer seiner zentralen Aussagen, wonach "Kometen" wie die Venus von anderen Planeten ausgestoßen werden? Zunächst denkt man, dass es sich dabei um ein völlig fantastisches Hirngespinst handeln muss, das rein gar nichts mit Wissenschaft zu tun haben kann. Doch so einfach ist das nicht!

Die Standard-Hypothese zum Ursprung der Kometen lautet: "Jan Oort vermutet eine große Wolke (Oortsche Wolke) von etlichen Milliarden Kometen weit außen in unserem Sonnensystem, übrig gebliebene, unversehrte Relikte aus der Zeit der Planetenentstehung vor 4 bis 5 Milliarden Jahren. Durch Störungen vorbeiziehender Sterne und durch das galaktische Schwerefeld werden ab und zu einzelne dieser Körper in ihrer Bahn so beeinflusst, dass sie in das Innere des Sonnensystems gelangen." (Voigt, Seite 62)

Wer nur diese Vermutung kennt (und wer kennt schon eine andere?), wird kaum ahnen, dass es zu dieser "Einfang-Hypothese", welche auf Laplace zurückgeht, auch eine "Auswurf-Hypothese" gibt, welche von sowjetischen Wissenschaflern der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts aufgegriffen wurde, wonach Kometen tatsächlich ausgeschleudertes Material großer Planeten sein sollen.

"Die Existenz von Kometenfamilien des Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun weist auf das Vorhandensein aktiver Prozesse im System der großen Planeten hin. Nach Lagrange, Proctor und Crommelin sollten die größten Planeten Kometenquellen sein. Dies war auch die anfängliche Vorstellung [von] Wsechswjatski, als in den Jahren 1930/31 die rasche Auflösung (Desintegration) der kurzperiodischen Kometen erkannt und ein genetischer Zusammenhang mit dem System des Jupiter offenbar wurde." (Wsechswjatski, Die Kosmogonie des Sonnensystems, in Ambarzumjan, Seite 235)

Auch wenn eine solche Hypothese zunächst komisch klingt, absurd ist sie nicht, wenn man sich den Vulkanismus auf der Erde vergegenwärtigt und annimmt, dass bei Riesenplaneten wie Jupiter weitaus höhere Energien und Massen auftreten: "Auffallend und schon seit der Erfindung des Fernrohrs bekannt ist der Große Rote Fleck. Auch hier handelt es sich um einen gewaltigen antizyklischen Wirbel, ähnlich unseren großen Taifunen, nur in sehr viel größerem Umfang und sehr viel stabiler. Möglicherweise befindet sich darunter ein aktiver Vulkan, der diesen Wirbel immer neu nährt." (Voigt, Seite 51)

Unter Berücksichtigung der Häufigkeit von Kometen kommt die Auswurf-Hypothese zu durchaus gravierenden Auswirkungen für das Sonnensystem: "Die Planeten verlieren also durch vulkanische Ausbrüche einen bedeutenden Teil ihrer Materie. Kometen und andere Kleinkörper erlauben eine Abschätzung der wahren Größe dieses Verlustes. ... Vulkanische Prozesse müssen die dynamischen Besonderheiten des Sonnensystems geändert haben." (Wsechswjatski, ebenda, Seite 244)

Velikovsky dürfte derartige Formulierungen gekannt und weitergedacht haben: Wenn kleine Kometen im Laufe vieler Millionen Jahre die Dynamik des Sonnensystems veränderten, dann würde bei einem großen "Kometen" wie der Venus diese Dynamik unmittelbar wirken und beim Vorbeizug an Mars und Erde große Katastrophen auslösen. Velikovsky nennt zwar keine Quellen, wenn er von der "modernen Hypothese" oder "modernen Theorie" der Kometenentstehung spricht, aber es ist genau die Auswurf-Hypothese, die er schildert und maßlos übersteigert:

"Ich habe in der Einführung [Seite 28] zu diesem Werk auf die moderne Hypothese hingewiesen, wonach die erdähnlichen Planeten durch einen Prozeß der Ausstoßung aus den großen Planeten entstanden sind. Für die Venus scheint dies tatsächlich zuzutreffen. Auch die moderne Theorie, die den Ursprung der Kometen mit kurzer Umlaufzeit ebenfalls von den großen Planeten herleitet, ist richtig: die Venus war als ein Komet ausgestoßen worden und verwandelte sich dann nach einer Anzahl von Begegnungen mit anderen Gliedern des Sonnensystems in einen Planeten." (Velikovsky, Seite 190)

Kometen haben allerdings nur eine Masse von 10^15 bis 10^18 Gramm (Keppler, Seite 111), während die Masse der Venus (und auch der Erde) von der Größenordnung 10^27 Gramm ist (Marow, Seite 33) - erdähnliche Planeten sind also ungefähr 10 Milliarden Mal so schwer wie Kometen. Es war eine große Schwierigkeit für die Auswurf-Hypothese, überhaupt begründen und berechnen zu können, dass Kometen einem Planeten wie Jupiter tatsächlich entweichen können - die Annahme eines "Kometen Venus", der vom Jupiter ausgestoßen werde, ist deswegen völlig unsystematisch und außerhalb jeder wissenschaftlich sinnvollen Spekulation liegend. Dabei wäre eine Energie nötig gewesen, die 100 Millionen Mal so groß sein müsste wie die stärksten jemals beobachteten Energieausbrüche (Flares) auf der Sonne. (Sagan, Seite 115)

Die Auswurf-Hypothese ist gegenwärtig eine kaum bekannte Außenseiter- oder Nichtstandard-Theorie (die auch Sagan auf Seite 114 nur oberflächlich wiedergibt), aber sie steht in einer direkten Polarität und Spannung zur Einfang-Hypothese. Die Wissenschaft braucht, um voranzuschreiten, auch solche "Out-Laws" wie Hoyle, Ambarzumjan, Arp, Bohm oder Sternglass. Auch wenn sich ihre Ideen nicht immer als richtig herausstellen, so sind sie trotzdem gute "Out-Laws". Die Velikovsky, Däniken und Illig würde ich hingegen als schlechte "Out-Laws" bezeichnen: sie schnappen bevorzugt die Argumente der guten "Out-Laws" auf, reißen sie aus ihrem wissenschaftlichen Spannungsfeld mit anderen Theorien und Hypothesen, um damit im "Paradies der Beliebigkeit" zu landen - mit dem Seiteneffekt, dass dadurch auch die guten "Out-Laws" in Misskredit gebracht bzw. mit ihnen in einen Topf geschmissen werden. Leider gibt es viel mehr schlechte als gute "Out-Laws", so dass es durchaus ein Glücksfall sein kann, einen guten "Out-Law" neu für sich zu entdecken, wie ich bei Illig anfangs auch hoffte. Aber es gibt solche Bücher durchaus, z.B. Sternglass' "Before the Big Bang", wo einige gute "Out-Laws", angefangen vom späten Einstein bis hin zu Ambarzumjan oder Bohm, zu Worte kommen und eine Elementarteilchenphysik und Kosmologie vorgestellt wird, die für alle, die am Schlagwort "der Äther ist tot" kleben, völlig inakzeptabel sein dürfte.

Literatur

Ambarzumjan, V. A. (Hrsg.): Probleme der modernen Kosmogonie, Basel und Stuttgart 1976.

Keppler, Erhard: Sonne, Monde und Planeten, München 1990.

Marow, M. Ja.: Die Planeten des Sonnensystems, Leipzig 1987.

Sagan, Carl: Broca's Brain, Reflections on the Romance of Science, New York 1980. Dabei zu beachten: das Kapitel "Venus and Dr. Velikovsky" (Seite 95-150) und der dazugehörige Anhang (Seite 373-381).

Sternglass, Ernest J.: Before the Big Bang, New York/London 1997.

Velikovsky, Immanuel: Welten im Zusammenstoß, Stuttgart 1952 (vierte Auflage).

Voigt, Hans-Heinrich: Das Universum, Planeten-Sterne-Galaxien, Stuttgart 1994 (Reclam).

Anhang: Carl Sagan über die Behandlung von Außenseitern

"... and when I arranged a second AAAS (American Association for the Advancement of Science) symposium to discuss Velikovsky's ideas, I was criticized by a different leading scientist who argued that any public attention, no matter how negative, could only aid Velikovsky's cause. But these symposia were held, the audiences seem to find them interesting, the proceedings were published, and now youngsters in Duluth or Fresno can find some books presenting the other side of the issue in their libraries. If science is presented poorly in schools and the media, perhaps some interest can be aroused by well-preparad, comprehensible public discussions at the edge of science. Astrology can be used for discussions of astronomy; alchemy for chemistry; Velikovskian catastrophism and lost continents such as Atlantis for geology; and spiritualism and Scientology for a wide range of issues in psychology and psychiatry." (Broca's Brain, Seite 70)

"My own view is that no matter how unorthodox the reasoning process or how unpalatable the conclusions, there is no excuse for any attempt to supress new ideas - least of all by scientists. Therefore I was very pleased that the AAAS held a discussion on Worlds in Collision, in which Velikovsky took part.
In reading the critical literature in advance, I was surprised at how little of it there is and how rarely it approaches the central points of Velikovsky's thesis. In fact, neither the critics nor the proponents of Velikovsky seem to have read him carefully, and I even seem to find some cases where Velikovsky has not read Velikovsky carefully." (Broca's Brain, Seite 98)



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