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In dem Buch von Ernst Doblhofer "Zeichen und Wunder. Die Entzifferung verschollener Schriften und Sprachen" (München 1964, dtv) wird auf Seite 19 über "Bilderchroniken" berichtet:

"Ein anderes, sehr schönes Stück dieser Art ist die ebenfalls auf einem Büffelfell niedergelegte 'Winter-Zählung' des Yanktonais-Dakota Lonedog, des 'Einsamen Hundes'. Diese Jahreschronik (die Dakota zählten die Jahre nach Wintern, wie man bei uns heute noch in poetischer Rede nach 'Lenzen' oder 'Sommern' zählt) reicht vom Winter 1800/1 bis zum Winter 1870/1, ist spiralenförmig von innen nach außen abgefaßt und kennzeichnet jedes Jahr durch ein für die Stammesgeschichte denkwürdiges Ereignis."

          

Für das Winterjahr 1869/70 wird also in dieser Bilderchronik von einer Sonnenfinsternis berichtet.

In dem Buch von Gustav A. Konitzky "Bisonjäger" (Stuttgart 1959, Kosmos-Bibliothek Band 223) finde ich, dass die Yanktonai-Dakota zur Sprachfamilie der Sioux gehören und entnehme der Abbildung 4 auf Seite 11, dass sie zwischen dem Mississippi und dem Missouri lebten.

Ich setze deshalb für den Beobachtungsort grob "40 Grad nördlicher Breite und 90 Grad westlicher Länge" an und erhalte damit mit meinem Eclipse-Programm (Yury Krasilnikov) für die Jahre 1869 und 1870 folgenden Output:


 LOCAL CIRCUMSTANCES OF SOLAR ECLIPSES
  for latitude  40.00 N, longitude  90.00 W.
  All eclipses with phase >= 0.100.

  ===Date==== Dw TM,UT MeeusN ET-UT Phase Sun_% Sra Lrad Dist HM AnM TB,UT PhaB HB AnB TE,UT PhaE HE AnE 
   1869/08/07 Sa 23:06   -376   0.0 1.050 100.0 947  994    1 22 322 22:04 0.00 34 245 00:03 0.00 11  57


In den Jahren 1869 und 1870 gab es also in dieser Gegend nur eine Sonnenfinsternis, und das war die totale vom 7. August 1869. Die "Winter-Zählung" der Yanktonai-Dakota hätte demnach irgendwann in den Wintermonaten Januar oder Februar beginnen müssen (und nicht im Dezember wie bei uns), denn nur so ist es plausibel, dass der "Einsame Hund" diese Sonnenfinsternis dem Winter-Jahr 1869/70 zuordnete. Da nur eine einzige Sonnenfinsternis in diesen beiden Jahren im Gebiet der Yanktonai-Dakota stattfand, ist es sehr wahrscheinlich, dass der "Einsame Hund" genau diese Sonnenfinsternis meinte.

Vergleiche die Methode des "Einsamen Hundes" mit jener im alten Ägypten oder Babylonien: "Die Periode zwischen den beiden nacheinander folgenden Neujahrsfeiern ... wurde zur ältesten chronographischen Einheit, indem man sie durch einen Namen, die Jahrformel, kennzeichnete: 'Jahr der Zählung der Rinder', 'Jahr des Sieges über die Nubier' usw. Indem man die derartig individualisierten Perioden aneinander reihte, entstanden die elementarsten Zeittabellen, wie sie z.B. auf dem 'Stein von Palermo' (Ende der 5. ägyptischen Dynastie) erhalten sind." (Bickerman, Chronologie, Leipzig 1963, S. 39)

Im Internet fand ich keinen Hinweis auf die Überlieferung des "Lonedog". Diese Sonnenfinsternis scheint aber in den USA ein großes Aufsehen erregt und verschiedene Forschungsexpeditionen angeregt zu haben. Auch der später als Philosoph berühmt gewordene Charles Sanders Peirce (1839-1914) berichtete darüber ausführlich:


Der Bericht von Charles Sanders Peirce über die Sonnenfinsternis vom 7. August 1869:

Quelle ("The Peirce Edition Project"):

Deutsche Übersetzung: Seschat GmbH, 2006.

P 70: Coast Survey Report 1869, 126-27
Cambridge, 20. August 1869

Sehr geehrter Herr:
Gemäß Ihren Anweisungen übersende ich Ihnen folgenden Bericht über meine Beobachtungen während der Sonnenfinsternis vom 7. August. Als Beobachtungsstandort wählten Sie für mich Bardstown, Kentucky, etwas südwestlich der Zentrallinie der Eklipse.

Mir wurde ein elegantes Äquatorial-Fernrohr mit einer Öffnung von 4 Zoll (rund 10 cm) und fünf Fuß (rund 150 cm) Brennweite zur Verfügung gestellt. Am Okularende des Tubus’ befinden sich zwei parallele auf gegenüberliegenden Seiten der Teleskopröhre angebrachte Messingverlängerungen, die etwa ein Fuß (ca. 30,5 cm) über die Röhre hinausragen. Auf diesen Verlängerungen ist das Spektroskop so befestigt, dass sich der Spalt gut erkennen lässt. Dieser Aufbau, fand ich, ließ keine Wünsche offen. Einen Sucher benötigte ich so gut wie gar nicht. Um den in Messing gearbeiteten Spalt, der das Abbild der Sonne erfassen sollte, welches während der totalen Eklipse mit dem blanken polierten Messing nicht zu sehen gewesen wäre, waren Schnitzel weißen Papiers befestigt. Beim Öffnen und Schließen des Spalts konnte es passieren, dass das Papier verrutschte. Deshalb erschien es mir geboten, die Schlitzweite während der Totalität möglichst selten zu modifizieren. Das auf meinem Teleskop montierte Spektroskop enthält ein einzelnes Flintglasprisma und ein 3-Prismen-Geradsichtspektroskop, das ohne sein eigenes Rohr in das Teleskop eingeschraubt ist. Es gibt keine Möglichkeit, die Position der Spektrallinien zu bestimmen. Um die verschiedenen Abschnitte des Spektrums ins Blickfeld zu rücken, war es erforderlich, den ein wenig schweren Arm, der das Geradsichtspektroskop trug, durch Lösen einer Stellschraube komplett freizugeben. Anschließend ließ sich dieser Arm per Hand nach Bedarf justieren, und die Schraube konnte wieder angezogen werden. Nach Erledigung dieser Handgriffe sank der Arm stets ein wenig herab. Das Anvisieren eines bestimmten Spektrumabschnitts war nur möglich, indem man, während man in das Spektrum blickte, gleichzeitig abschätzte, wie weit der Arm jeweils absinken würde. Während der Totalität fällt möglicherweise kein Licht in das Gesichtsfeld, sollte sich der Beobachter von einer Protuberanz wegbewegen müssen. Deshalb gibt es auch keine Möglichkeit festzustellen, auf welchen Abschnitt des Spektrums, falls überhaupt einer, der Arm jeweils eingestellt war. Ist der Spalt so weit geöffnet, dass er das Licht komplett durchlässt, so kann es passieren, dass sich das darauf befestigte Papier ablöst und die Einstellung des Spalts auf eine Protuberanz unmöglich wird. Am Teleskop war kein Gehwerk verfügbar, und die Beobachter waren unentwegt auf Störungen durch die großteils unwissenden Zuschauer gefasst. Aus diesem Grund war das Manövrieren dieses Armes ein höchst unwillkommenes Prozedere. Andererseits konnte der Arm so ausgerichtet werden, dass er das Spektrum vom äußersten Rotwert bis zur Mitte zwischen der F- und der G-Linie erfasste. Unter den gegebenen Umständen hätte ich nicht gewagt, ihn zu verschieben.

Ausgerichtet hat das Teleskop für mich Herr N. S. Shaler, der Geologe, der die Gelegenheit, das außergewöhnliche Phänomenon ungestört mitzuerleben, großzügig fahren ließ und mir seine Unterstützung bei den astronomischen Beobachtungen anbot. Mein Teleskop wurde dank seiner mit Fingerspitzengefühl und unerschütterlicher Ruhe gehandhabt.

Am Morgen des 6. baute ich mein Instrument auf und suchte die Sonne nach Protuberanzen ab. Ich fand nur eine einzige, die sich auf der nachfolgenden Sonnenseite befand, und von kräftigem Gelb war, das heisst, die gelbe Linie neben der D-Linie war im Verhältnis zu den anderen sehr hell. Die F-Linie konnte ich in der Tat überhaupt nicht erkennen. Am Morgen des 7. untersuchte ich die Sonne sorgfältiger und stieß dabei auf mehrere Protuberanzen (die später während der totalen Eklipse leicht wiederzuerkennen waren). Keine dieser Protuberanzen war jedoch so leuchtstark wie die am Vortag entdeckte und auch jetzt noch vorhandene. Diese stand nun weniger hoch, schlug einen größeren Bogen über der Sonnenscheibe und erschien in noch strahlenderem Gelb als zuvor.

Zum Zeitpunkt der Totalität war mein Teleskop auf diese Protuberanz gerichtet und der Spalt ziemlich schmal eingestellt. In diesem Moment war auch das kontinuierliche Spektrum verschwunden, und es wurden fünf Linien in strahlenden Farben erkennbar. Dabei handelte es sich um die F- und die b-Linie, eine weitere dunklere und breitere Linie zwischen b und D, die von der b-Linie in etwa ein Viertel der Distanz zwischen den beiden Linien entfernt war, die bekannte gelbe Linie neben D sowie die C-Linie. Nachdem ich das Spektrum dieser Protuberanz in unterschiedlichen Positionen betrachtet hatte, blickte ich auf die Sonne und stellte erfreut fest, dass meine Vorstellung von Form und Farbe dieser Protuberanz zweifelsfrei bestätigt wurde.

Bei diesem Blick auf die Sonne entdeckte ich an deren südwestlicher Flanke (wofür ich mich auch hauptsächlich interessierte) eine markante rosafarbene Protuberanz. Zunächst betrachtete ich das Spektrum einer anderen, roten, Protuberanz an der südlichen Flanke, erst dann das der gerade erwähnten Protuberanz. Ich stellte fest, dass sich die Spektren der roten Protuberanzen ähnelten. Sie unterschieden sich von dem Spektrum der gelben Protuberanz lediglich dadurch, dass die zuvor genannten eine verhältnismäßig stärkere Leuchtkraft der roten, gelben und blauen Linien zeigten, wobei das mattere Grün wesentlich schwächer leuchtete. Angesichts meiner früheren Beobachtungen zweifle ich nicht daran, dass die gelbe Linie auch bei den roten Protuberanzen von geringerer Helligkeit war. Weil aber auch sie relativ hell leuchtete, war es nicht möglich, mit bloßem Auge eine gegenüber der gelben Protuberanz verminderte Helligkeit auszumachen.

Herr Shaler richtete nun das Teleskop auf die Korona aus. Gerade wollte ich den Spalt öffnen, um mehr Licht hindurchzulassen, als die Sonnensichel hervorbrach und meinen Beobachtungen eine Ende machte. Nur zwei Sekunden mehr Zeit oder etwas mehr Ruhe, und ich hätte auch die Korona ins Visier bekommen.

Während der Sonnenfinsternis wurden von Herrn Shaler und mir folgende Beobachtungen verschiedenster Art gemacht:

Die Protuberanzen zeigten sich in zwei unterschiedlichen Ausprägungen: Die einen waren flach, lang und gelb und die anderen steil ansteigend, kurz und rot.

Herr Shaler bemerkte im Augenblick der Totalität am Rand der Sonnenscheibe ein Funkeln wie von Edelsteinen. Die Erscheinung dauerte nur einen kurzen Augenblick und schien die Folge von Unregelmäßigkeiten bzw. Tälern an der Mondflanke zu sein. Vor etwa einem Monat hatte Herr Shaler an der Flanke des Mondes ein gezacktes Gebilde beobachtet, das von einem Gebirgszug herrührte.

Herr Shaler beobachtete, dass die Korona ein Viereck mit konkaven senkrechten und waagrechten Seitenlinien bildete, wobei Letztere die längeren waren. Dessen durchschnittliche Breite schätzte er auf etwa das Eineinhalbfache des Sonnendurchmessers. Er stellte fest, dass es sich keineswegs allmählich auflöste, sondern vielmehr seine scharf definierte Kontur beibehielt.

Ich machte folgende Beobachtungen, was die Farbigkeit betrifft. Während der Augenblick der Eklipse herannahte, ließ sich keine Veränderung an den Farben der Landschaft oder der Gesichter der Menschen erkennen, wobei das Licht jedoch einen eigentümlich theaterhaften Effekt hatte, der sich auf die Scharfzeichnung der Schatten zurückführen ließ. Während der Totalität hatte das Licht über der Landschaft etwas von dem grauen Zwielicht der Dämmerung. Der Mond war in diesem Augenblick nicht schwarz, sondern von einem tiefen, dumpfen und leicht mit Purpur unterlegtem Blau, dunkler als der Himmel. Herr Shaler bestätigte dies. Der Himmel war von einem dunklen purpurnem Blau. In der Nähe der Korona war er nicht heller. Die Korona war eher weiß, nicht bläulich. Die zuvor gelben Protuberanzen waren grünlich wie das Polarlicht und intensiv strahlend. Die roten hatten weitgehend die Farbe des Lichts, das Wasserstoff in einer Geissler-Röhre aussendet. Am südlichen und auch (wie Herr Shaler meint) am nördlichen Himmel war ein lachsfarbenes Licht am Horizont zu sehen, das in einem Winkel von etwa fünf Grad oder mehr aufstieg. Das Weiß, in dem Venus und Merkur erstrahlten, musste selbst den Vergleich mit Wega nicht scheuen.

Herr Shaler sagt: "Bis etwa fünf Minuten vor der Totalität zeigte die belebte Natur kaum Auffälligkeiten, außer, dass alle Gockel zu krähen begannen. Sie stießen aber nicht ihr für diese Tageszeit typisches kraftvolles Jauchzen aus, sondern ließen ihr morgentlich verschlafenes Krähen vernehmen. Während das Licht rasch erstarb, begannen die Vögel mit ihren Nestheimkehrrufen. Die Rinder waren offensichtlich stark verängstigt und stoben mit hochgereckten Schwänzen und Köpfen fast wie in panischer Flucht über die Felder. Im Augenblick der Eklipse fand man eine Henne, deren Küken unter ihren Flügeln vorborgen waren. Vier Monate alte Küken wurden dabei beobachtet, wie sie zehn Minuten vor der totalen Eklipse noch ganz ruhig fraßen. Kurz darauf waren sie verschwunden. Die Menschenmenge wurde auf Bitten des Beobachters hinter einen Zaun, etwa 9 m vom Teleskop entfernt, verwiesen. Im Moment der Totalität lenkte ein hohler Ton, der zur Hälfte Furcht und zur Hälfte Bewunderung ausdrückte, unsere Aufmerksamkeit auf die Gesichter der Menge, die mit offenem Mund und Entsetzen im Antlitz auf die erloschene Sonne blickten. Es gibt keinen Zweifel, dass all diese Leute von einer übermächtigen Angst gebannt waren. Die meisten der Anwesenden zogen sich lautlos zurück. Die wenigen, die nach der Totalität geblieben waren, schienen eigenartig still, erholten sich ganz offensichtlich von einem beachtlichen Schock."

Hiermit überlasse ich diese Schilderungen Ihrer freundlichen Kenntnisnahme und verbleibe hochachtungsvoll Ihr

CHARLES S. PEIRCE.


Während Peirce in diesem Bericht erwähnt, dass er nicht mehr zur spektroskopischen Beobachtung der Sonnenkorona kam, haben zwei andere Astronomen, William Harkness und Charles August Young, während dieser Sonnenfinsternis die sog. K-Linie im Spektrum der Corona entdeckt. Später vermuteten manche, dass ein neues Element, Coronium, dafür verantwortlich sei, bis dann 1940 der schwedische Physiker Bengt Edlén zeigen konnte, dass es sich um hochionisiertes Eisen handelt, bei einer Temperatur von über einer Million Grad.


Ich könnte mir vorstellen, dass z.B. auch ein Walt Whitman von dieser Sonnenfinsternis erfuhr und zumindestens einen Tagebuch-Eintrag darüber machte (allerdings hätte er sie möglicherweise nicht total erlebt). -- Doch nicht, vor mir liegt sein "Tagebuch" (Leipzig 1985, Reclam) als "erste vollständige deutsche Übertragung", und so wie es aussieht liegen für 1869 oder 1870 keine Tagebucheintragungen vor.


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