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"Kaspar: Alfanzerei! Nichts als Naturkräfte!" (1. Aufzug, 2. Auftritt)

Ich lese: "Die Geschichte der Oper im 19. Jahrhundert spiegelt die kulturellen und gesellschaftlichen Umbrüche dieser Zeit in besonders krasser Weise." (Wolf-Dieter Hartwich: Deutsche Mythologie, Berlin-Wien 2000, S. 79)

Als große Romantische Oper der Metternich-Ära ragt Carl Maria von Webers "Der Freischütz" heraus, die in Dresden am 18. Juni 1821 erstmals aufgeführt wurde, "eines der bemerkenswertesten Daten der deutschen Operngeschichte, ein Sieg auf allen Linien." (Wilhelm Zentner im Vorwort des Reclam-Heftes (1949/2004), S. 8) Zentner abschließend: "Unverwelkt sind bis auf den heutigen Tag die Reize des Freischütz geblieben. Kaum eine Bühne, auf der die volkstümlichste aller Opern, obwohl sie auf ein Alter von mehr als 150 Jahren zurückblicken kann, nicht Heimat- und Dauerrecht besäße. Wie möchte dies auch anders sein bei einer Schöpfung, von der ein geistreicher Franzose einmal geäußert hat, sie sei eigentlich gar keine Oper, vielmehr Deutschland selbst." (S. 15) Den Text hat Friedrich Kind verfasst, der sich aber schon bald mit dem Komponisten zerstritt. Das Stück spielt in "Böhmen, kurz nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges".

Um seine Agathe heiraten zu können, muss der unbescholtene und biedere Max sich zuerst als hervorragender Schütze bewähren und lässt sich, da verunsichert, von Kaspar zum Bösen verleiten, das durch Samiel, den schwarzen Jäger, symbolisiert wird. Um Mitternacht sollen in der Wolfsschlucht sieben Freikugeln gegossen werden, die verteufelt gut immer treffen: "diese Nacht, wo sich die Mondscheibe verfinstert, ist zu großen Dingen geschickt!" (Kaspar, 1. Aufzug, 5. Auftritt). Erstmals belegt ist der "Freischützglaube" im berüchtigten "Hexenhammer" von 1487, so Hartwich. (S. 84)

Bald danach spricht Kaspar von der Mondfinsternis noch genauer: "Drei Tage steht jetzt die Sonne im Schützen, und heut ist der mittelste; heut, wenn sich die Tage scheiden, gibt's eine totale Mondfinsternis. Max! Kamerad! Dein Schicksal steht unter dem Einfluß günstiger Gestirne! Du bist zu hohen Dingen ausersehen!"

Kind gebraucht den Fachbegriff "totale Mondfinsternis", und ich möchte sehen, wieweit das Fachliche trägt:

Im Zeichen des Schützen steht die Sonne vom 22. November bis zum 20. Dezember und der sich verfinsternde Vollmond stünde um Mitternacht ganz hoch am Himmel. Jedenfalls wäre auf einen späten Herbst oder frühen Winter zu schließen. -- Aber die Oper spielt eindeutig im Frühling oder Sommer, denn gleich im ersten Aufzug sitzt Max "vor einer Waldschenke" und trinkt sein Bier.

Vorlage zum Freischütz-Libretto war die Erzählung "Der Freischütz. Eine Volkssage" von Johann August Apel, die im zusammen mit Friedrich Laun (alias Friedrich August Schulze) herausgegeben "Gespensterbuch" (1. Band) von 1810 erstmals erschien. Eine französische Übersetzung solcher Gespensterbücher las übrigens auch die Gesellschaft um Lord Byron und den Shelleys im "Jahr ohne Sommer" 1816 am Genfer See, um sich die Zeit zu vertreiben und wo dann der Frankenstein-Roman Mary Shelleys seine Anfänge nahm. (So Robert Stockhammer im Nachwort meiner Auswahl des "Gespensterbuchs", Frankfurt/M. und Leipzig 1992, Insel-Taschenbuch Nr. 1388)

In Apels Erzählung ist die Szene des Kugelgießens nur in ein Spiel des Mondes mit den Wolken getaucht, jedoch ohne eine Mondfinsternis: "Der Mond war im Abnehmen und stieg dunkelrot am Horizont herauf. Graue Wolken flogen vorüber und verdunkelten zuweilen die Gegend, die bald darauf sich wieder plötzlich vom Mondstrahl aufhellte." (Kap. 11, S. 32)

In einem gravierenden Punkt unterscheidet sich Apels Erzählung vom Opern-Libretto: Während hier die Handlung in einem christlich-versöhnten Happy-End ausklingt, schließt Apels Erzählung tragisch: "Der Kommisar und der Pfarrer suchten vergebens, den verwaisten Eltern Trost zuzusprechen. Mutter Anne hatte kaum der bräutlichen Leiche den prophetischen Totenkranz auf die Brust gelegt, als sie den tiefen Schmerz in der letzen Träne ausweinte. Der einsame Vater folgte ihr bald. Wilhelm beschloß sein Leben im Irrenhaus." (Kap. 16, S. 42, Wilhelm, das ist der Bräutigam, in der Oper also der Max.)

In der "Nachrede" zum Gespensterbuch fand ich eine anregende Passage zur Unterscheidung einer vermeintlichen von der echten Aufklärung: "Überhaupt, wie der Mythus die Dämmerung bezeichnet, vor dem Sonnenaufgang des Glaubens -- Götterdämmerung als Morgen --, so ist die Gespenstersage das Zwielicht vor dem vollen Tag der Erkenntnis. Denn wunderbar nennen wir das, dessen Grund wir in unsrer Bekanntschaft mit der Natur nicht auffinden, und wahre Aufklärung verdrängt den Wunderglauben, indem sie jene Bekanntschaft erweitert und das Wunderbare begreifen lernt; während die vermeinte, eingebildete Aufklärung die Tatsache selbst leugnet, weil sie das Wunderbare an ihr nicht begreifen kann, und es deshalb für absolut unbegreiflich zu halten pflegt. So verfuhr sie z.B. mit den alten Nachrichten von Donnerkeilen und Steinregen." (S. 268 f.)

Mit den "Steinregen" wird darauf angespielt, dass lange Zeit Berichte von vom Himmel gefallenen Steinen als Aberglaube abgewertet wurden und dass auch noch Chladnis Theorie von 1794, wonach "Sternschnuppen" und "Feuerkugeln" Staub und Gestein aus dem interplanetaren Raum seien, zunächst noch meist abgelehnt wurde, bis dann der große Meteoritenfall von L'Aigle am 26. April 1803 die Gelehrten eines Besseren belehrte. (Nähers hierzu in Ernst F. F. Chladni: Über den kosmischen Ursprung der Meteorite und Feuerkugeln, Thun und Frankfurt/M. 1996, Ostwalds Klassiker der Naturwissenschaften Band 258)

Es hat übrigens noch einige Jahrzehnte gedauert, bis der Zusammenhang zwischen den Leuchterscheinungen in der Atmosphäre mit dem kosmischen Staub eindeutig geklärt war, und auch bei einem Alexander von Humboldt findet man noch schwankende Ansichten dazu: er erkannte zwar an, dass Steine vom Himmel "fallen" können, aber bei den "Sternschnuppen" vermutete er eher einen rein atmosphärischen Ursprung.

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