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Swift, Marsmonde

Zu den Kuriositäten der Astronomie-Geschichte gehört die Erwähnung bzw. "Voraussage" zweier Marsmonde in "Gullivers Reisen" des Jonathan Swift. Dieses Buch erschien erstmals 1726, tatsächlich entdeckt wurden die beiden Marsmonde Deimos und Phobos erst 1877. (Zur eigentlichen Entdeckung von 1877 siehe 1877-VIII-26.)

Im dritten Band, drittes Kapitel, wird über die Laputier, diesen Hyper-Pythagoreern, berichtet: "In ihrem Katalog befinden sich zehntausend Fixsterne, da doch die größten Verzeichnisse, welche wir besitzen, kaum ein Dritteil dieser Zahl enthalten. Sie haben auch zwei Trabanten des Mars entdeckt, deren nächster von seinem Hauptplaneten so weit entfernt ist, wie dessen Durchmesser dreimal beträgt, und der entferntere fünfmal; ersterer dreht sich um den Mars in zwanzig, letzterer in einundzwanzig und einer halben Stunde. Das Quadrat der periodischen Umwälzung beider steht in demselben Verhältnis, wie der Kubus ihrer Entfernung vom Zentrum des Mars, und dies erweist, daß sie nach denselben Gesetzen der Schwere, wie die übrigen Himmelskörper, regiert werden." (Leizig ca. 1900, Reclam, übersetzt von Fr. Kottenkamp)

"Wie das? Nun, die Geschichte geht auf Kepler zurück, der flugs, nach Galileis Entdeckung der vier Jupitermonde, meinte: die Erde hat einen, Jupiter vier, dann 'muß' Mars zwei haben, Saturn acht usw. Bezüglich des Marsmondes Phobos äußerte noch 1960 der russische Astrophysiker J. S. Shlovsky die Vermutung, es handle sich um einen künstlichen Satelliten! Der Grund für diese Vermutung war die unerklärlich unregelmäßige Bahn des Marsmondes. Phobos, muß man wissen, umkreist den Mars nahe der 'Roche-Bahn'. Phobos verliert vermutlich im Schwerefeld durch diesen Effekt Staub und wird beim Durchflug durch seinen eigenen Staub ständig etwas abgebremst." (Erhard Keppler: Sonne, Monde und Planeten, München 1990, Piper, S. 60)

Keppler, nicht zu verwechseln mit Kepler, erklärt auch gleich diese "Roche-Bahn": "Wenn ein Mond im Gravitationsfeld z.B. eines Planeten umläuft, werden die dem Planeten zugewandten Teile des Mondes nach dem Gravitationsgesetz stärker angezogen als die von ihm abgewandten - d.h. die Mondteile streben auseinander. Zugleich ziehen sie sich gegenseitig an. Daher gibt es eine Entfernung vom Planeten, die 'Roche-Bahn' (nach dem französischen Mathematiker Edouard Roche), in der die gegenseitige Anziehungskraft der Mondteile gleich ist der Kraftdifferenz, die der Planet im Mond entstehen läßt: Außerhalb dieser Bahn überwiegt der Zusammenhalt, innerhalb bricht der Mond auseinander."

Während bei Swift die beiden Marsmonde die Keplerschen Gesetze bestätigen, weichen die tatsächlichen Verhältnisse davon deutlich ab, wodurch Swift gleichsam einer "Fälschung" überführt wäre. Eine ähnliche Zahlenspielerei ist auch die "Titius-Bodesche-Reihe" für die Abstände der Planeten von der Sonne, die zur Goethe-Zeit heftig diskutiert wurde, Hegel zu Unrecht in Verruf brachte und die "sich leicht durch andere, noch besser passende Formeln ersetzten" läßt. (Fischer-Lexikon Astronomie, 1978, S. 218) Halbe, jedoch keine tiefen Wahrheiten kann man mit solchen Zahlenreihen beliebig leicht inszenieren; dagegen polemisierte Hegel, wie mir scheint. (HegelUndCeres)

Swifts hypothetische Marsmonde glaubte manche vorher schon entdeckt zu haben: "Schon 1610 dachte Kepler, wie uns z.B. seine 'Narratio de Jovis satellitibus' zeigt, an zwei Marsmonde, suchte sie aber sowohl am Himmel als in dem Galilei'schen Anagramme vergeblich auf, während dagegen Anton Maria Schyrl oder Schyrläus (Rheita in Böhmen 1597 - Ravenna 1600, Kapuziner) ... solche wirklich gesehen haben wollte." (Rudolf Wolf, Handbuch der Astronomie, ihrer Geschichte und Literatur, Kap. 542, Zürich 1892, Nachdruck Amsterdam 1973) Auch später gab es, so Wolf weiter, immer wieder Berichte von Astronomen mit vermeintlich entdeckten Marsmonden, während sich 1864, als man mit vorzüglichen Fernrohren den Mars wieder danach absuchte und nichts fand, die Überzeugung festsetzte, dass der Mars keine Monde habe -- und dann 1877 der Amerikaner Asaph Hall sie doch entdeckte.

Ein ähnliches "Schwanken der Gefühle" auch beim Mars selbst: Seit 1878 publizierte Schiaparelli seine Hyothese von den "Marskanälen", somit von Wasser auf dem Mars (Wolf, Kap. 541), später dämpfte man solche Erwartungen eher, nunmehr ist "die Geschichte des Wassers auf dem Mars", ja selbst von primitivem Leben, wieder hochaktuell.

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